Der Mann in meiner Tasche

Der Mann in meiner TascheEigentlich hatte ich mir nur ein neues Kleid kaufen wollen, doch dann sah ich diese Designerschuhe. Sie raubten mir schlichtweg den Atem.

Ich stand vor dem Schaufenster einer Edelboutique und blickte begeistert auf die weinroten Stiefeletten, die perfekt zu meinem Abendkleid passen würden. Sie waren wunderschön – und unverschämt teuer. Ein weiterer Grund, warum ich sie haben musste. Ich zog die Kreditkarte meines Mannes aus der Tasche und betrat die Boutique.

Als ich vor elf Jahren Raul Kendrick heiratete, war dieser nur ein kleiner Sekretär in der Ortsgruppe einer unbedeutenden Partei; mittlerweile saß er im Wirtschaftsausschuss des Parlaments und hatte mehr Geld als er ausgeben konnte, trotzdem jammerte er ständig herum, wenn ich mir etwas Neues kaufte. Was nur dazu führte, dass ich noch mehr Geld ausgab.

Zielstrebig ging ich zu dem Stand mit den Schuhen hinüber. Die Verkäuferin, die mir entgegenkam, scheuchte ich mit einer Handbewegung fort. Ich wusste genau, was ich wollte.

Ich suchte die passende Größe heraus und lief ein paar Schritte. Die Schuhe passten hervorragend.

Mit dem Karton unter dem Arm ging ich zur Kasse, als mich plötzlich jemand ansprach: „Sie wollen sich diese Schuhe doch wohl nicht kaufen?“

Ich blieb stehen und schaute mich um. Es war niemand in der Nähe. Die Verkäuferin stand zu weit weg, als das ich ihre Stimme hätte hören können; außerdem war es eindeutig eine männliche Stimme gewesen. Ich ging zögernd weiter, da meldete sie sich erneut: „Ich glaube nicht, dass Ihr Mann mit dieser Geldausgabe einverstanden wäre.“

Diesmal hatte ich den Ursprung der Stimme ausmachen können. Ich warf einen überraschten Blick auf die Kreditkarte in meiner Hand. Dort, wo sich normalerweise das Hologramm des Geldinstitutes befand, leuchtete ein kleiner Bildschirm, auf dem der stilisierte Kopf eines Mannes zu sehen war. Er schaute mich streng an.

Überrascht ließ ich den Karton mit den Schuhen fallen. „Wer sind Sie denn?“, fragte ich.

„Ich bin Ihre Kreditkarte. Ihr Ehemann hat mir aufgetragen dafür zu sorgen, dass Sie nicht ständig Geld für unnötige Dinge ausgeben.“

Ich schlug die Hand vor dem Mund und starrte auf das animierte Gesicht, ohne ein Wort herauszubringen.

„Ich soll Ihnen eine Videodatei von Ihrem Ehemann vorspielen.“

Das reale Abbild meines Mannes erschien auf dem kleinen Bildschirm. Er grinste überheblich. „Hallo Charlotte. Ich bin es endgültig leid, dass du ständig mein Geld ausgibst, deshalb habe ich dir eine Kreditkarte der neusten Generation besorgt. Sie hat einen eingebauten Mikrocomputer, der jeden deiner Einkäufe zuerst genehmigen muss.“
Plötzlich wurde mir auch klar, warum mein Mann so bereitwillig eine neue Kreditkarte herausgerückt hatte.

„Schon bald wird dieses Programm überall zu finden sein. Es wurde entwickelt, damit Eltern eine Kontrolle über die Ausgaben ihrer Kinder haben. Demnächst soll es auch Handys für Jugendliche geben, die die Dauer und Notwendigkeit von Telefongesprächen überwachen. Du hast die Ehre, dieses neue Programm vorab testen zu dürfen.“ Er kicherte leise. „Viel Spaß beim Einkaufen.“ Dann endete die Videodatei und der stilisierte Kopf des Mannes erschien wieder. „Da nun alle Fragen geklärt wären, möchte ich Sie bitten, die Schuhe wieder zurück ins Regal zu stellen.“

Ich schnappte nach Luft. „Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Ich hob den Karton auf und ging zur Kasse hinüber. „Ich lass mir doch von dir nicht vorschreiben, was ich kaufen darf.“

„Ich fürchte, Ihnen wird nichts anderes übrig bleiben. Aber glauben Sie mir, es ist nur zu Ihrem finanziellen Schutz.“

Die Verkäuferin war mittlerweile auf meine scheinbaren Selbstgespräche aufmerksam geworden und warf mir seltsame Blicke zu.

Meine Kreditkarte meldete sich wieder: „Es gibt ein paar Straßen weiter einen Second-Hand-Laden. Ich bin mir sicher, dass Sie dort Schuhe in einer passenderen Preisklasse finden werden.“

„Auf keinen Fall ziehe ich Schuhe an, die schon jemand getragen hat!“

Ich war so in Fahrt, dass es die Verkäuferin nicht wagte, mich anzusprechen. Sie tippte hastig den Preis der Schuhe in die Kasse, nahm meine Kreditkarte und zog sie durch den Scanner. Es piepste. Dann zeigte die Kasse: Vorgang abgebrochen. Die Kassiererin versuchte es noch einmal, doch auch jetzt wurde der Betrag nicht abgebucht. Verlegen reichte sie mir die Kreditkarte zurück. „Diese Karte ist ungültig, haben Sie noch eine andere?“

Natürlich hatte ich keine andere. Ohne die Schuhe verließ ich wutschnaubend die Boutique.

*

Ich saß in einem kleinen Café, mein Telefon vor mir und wartete darauf, dass mein Mann endlich den Anruf annahm. Als es schließlich soweit war, machte er sich nicht einmal die Mühe, seine Schadenfreude zu verbergen. „Ich habe mich schon gefragt, wann du anrufen würdest.“

Ich hielt die Kreditkarte vor die Kamera meines Telefons. „Kannst du mir das erklären, Raul?“

„Was gibt es da zu erklären? Deine ständigen Einkäufe haben endlich ein Ende. In Zukunft wirst du mein Geld nicht mehr mit beiden Händen zum Fenster rauswerfen können.“

„Dein Geld?“, fragte ich fassungslos. „Ich habe meinen Teil doch wohl auch dazu beigetragen.“

„Mag sein, aber das Geld liegt nun mal auf meinem Konto.“

„Versuchen Sie doch bitte Ruhe zu bewahren. Diese emotionalen Ausbrüche helfen niemanden“, versuchte meine Kreditkarte den Streit zu schlichten. Es herrschte nur so lange Ruhe, wie ich brauchte, um nach Luft zu schnappen. „Heißt das, ich bekomme in Zukunft kein Geld mehr?“, herrschte ich meinen Mann an.

„Doch natürlich“, lächelte er. „Aber nur, wenn die Kreditkarte es dir erlaubt.“ Mein Mann legte auf.

Ich kochte vor Wut. Am liebsten hätte ich irgendetwas zerschlagen, aber ich war mir sicher, dass meine Kreditkarte den Schaden nicht übernehmen würde, daher unterließ ich es. Stattdessen winkte ich den Kellner heran. „Ich brauche unbedingt etwas zu trinken!“

Der stilisierte Kopf auf meiner Kreditkarte nickte. „In Ordnung, Sie können sich ein Mineralwasser bestellen.“

„Ich brauche aber etwas Stärkeres als ein Mineralwasser!“, entgegnete ich so laut, dass die ersten Gäste sich schon nach mir umdrehten.

„Meinetwegen, nehmen Sie einen Kaffee – aber kein Kännchen!“

*

Seltsamerweise beruhigte der Kaffee meine aufgebrachten Nerven. Ich dachte nach. Mein Mann wollte mich also austricksen. Wahrscheinlich hatte ihn seine jugendliche Freundin diesen Floh ins Ohr gesetzt. Dass mein Mann eine Freundin hatte, wusste ich schon lange, aber es störte mich nicht. Wir führten eine überaus tolerante Ehe – außerdem hatte ich ebenfalls eine Freundin -, doch so tolerant, dass ich deswegen auf mein Geld verzichten würde, war ich nun auch wieder nicht. Plötzlich kam mir eine Idee.

„Ich schlage vor, dass Sie ihren Kaffee austrinken und wir zu Ihnen nach Hause fahren“, unterbrach die Kreditkarte meine Überlegungen. „Wenn wir Ihren Kleiderschrank gemeinsam durchsuchen, finden wir sicher noch das eine oder andere Stück, das Sie tragen können.“ Das Gesicht auf meiner Kreditkarte runzelte die Stirn. „Heh, was schauen Sie mich so seltsam an?“

*

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie in diesem Moment eine Urheberrechtsverletzung begehen und fordere Sie energisch auf, dieses zu unterlassen!“, plärrte die Kreditkarte.

Natürlich war ich nicht nach Hause gefahren, sondern hatte stattdessen eine alte Freundin von mir aufgesucht, die als Programmiererin in einer Softwarefirma arbeitete.

Jennifer hatte den Programmcode meiner Kreditkarte ausgelesen, worauf diese in lautstarke Proteste ausgebrochen war.

Ich saß auf der Couch, blätterte gelangweilt in einem Modemagazin und wartete darauf, dass meine Freundin endlich eine Lösung für mein Problem fand. Je mehr Programmzeilen sie sich anschaute, umso energischer wurden die Proteste meiner Kreditkarte.

„Hören Sie? Sie sollen diese illegale Aktion sofort beenden. Mein Programm unterliegt der Geheimhaltung.“

Ich ließ das Modemagazin sinken. „Kannst du nicht endlich mal still sein?“, stöhnte ich.

„Nein! Es ist meine Aufgabe, Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich strafbar machen. Davon abgesehen sind Ihre Bemühungen sowieso sinnlos: Ohne mich ist Ihre Karte ungültig. Wenn Sie mich löschen, bekommen Sie gar kein Geld mehr!“

„Ich fürchte, es hat Recht, Charlotte.“ Jennifer nahm den Blick von ihrem Monitor und schaute mich durch ihre rote Brille hinweg an. „Das Programm ist Teil deiner Kreditkarte, wenn ich es umgehe, läuft gar nichts mehr.“

Ich ließ die Schultern sinken.

„Das heißt also, dass ich nun bei jedem Kauf meine Kreditkarte um Erlaubnis fragen muss?“

Jennifer nickte. „Das schon, aber das heißt ja nicht, dass sie auch nein sagt.“

Ich runzelte die Stirn. „Und was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass ich zwar den Charakter deiner Karte nicht umgehen kann, aber ich kann ihn ändern. Was hältst du davon, wenn ich ihm eine neue Persönlichkeit gebe? Einen modebewussten Charakter, der nicht auf das Geld schaut und der weiß, wie man eine Frau anzieht?“

Meine Kreditkarte stieß einen entsetzten Schrei aus. „Das dürfen Sie nicht! Das ist illegal, ach was, das ist Mord. Wagen Sie es ja nicht.“

„Und du meinst, dass funktioniert?“, fragte ich zweifelnd.

„Keine Sorge, bei der Persönlichkeit, die ich dir auf deine Kreditkarte schreiben werde, kann überhaupt nichts schief gehen.“

Ich nickte entschlossen. „Dann tue es.“

Die Stimme der Kreditkarte kreischte: „Warten Sie! Wenn Sie darauf verzichten, können wir uns auch gerne noch einmal über die weinroten Schuhe unterhalten, die Sie kaufen wollten. Vielleicht ist auch …“

*

Es dauerte ein paar Minuten, dann gab Jennifer mir meine Kreditkarte zurück.

Das Abbild des Mannes war nun älter. Er hatte weiße, im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene, glatte Haare und ein schmales Gesicht, vor dem er mit ständig mit einem Fächer herumwedelte. Er trug eine dunkle Brille und war in einem eleganten Anzug mit weißem Hemd gekleidet.

„Sie müssen Charlotte sein.“ Er musterte mich von Kopf bis Fuß.

„Ich schlage vor, dass wir zuerst einen guten Visagisten aufsuchen. Mit einer modernen Frisur und etwas Make-up werden Sie nicht wiederzuerkennen sein. Und natürlich brauchen Sie auch eine komplette neue Garderobe. Vielleicht etwas aus Pelz. Pelz ist diese Saison sehr angesagt. Sie mögen doch Pelz?“

Ich nickte.

„Gut, und andere Schuhe brauchen Sie natürlich auch.“

„Ich habe ganz in der Nähe ein paar traumhaft schöne Designerschuhe gesehen.“

„Wirklich? Dann sollten wir uns beeilen, bevor jemand anderes sie kauft.“

Ich schaute Jennifer begeistert an. „Es funktioniert.“

„Habe ich dir doch versprochen.“

„Mein Mann wird sich grün und blau ärgern.“

Jennifer nickte. „Aber findest du nicht auch, dass er noch einen weiteren Denkzettel verdient hat?“

Als sie meinen verständnislosen Blick sah, lächelte Jennifer verschwörerisch. „Dem Programm auf deiner Kreditkarte ist es vollkommen egal, auf welchem Rechner man es installiert. Es läuft überall; solange genug Speicher vorhanden ist. Ich habe es immer noch auf meinem Computer. Was meinst du, sollen wir deinem Mann eine Version davon schicken?“

Ich lächelte. „Und danach gehen wir beide einkaufen. Ich finde, du könntest auch ein paar neue Sachen gebrauchen.“

*

Raul Kendrick summte leise ein Lied, während er seine Luxuslimousine aus dem Verkehr ausfädelte, in eine Seitenstraße abbog, und kurz darauf vor einem Haus anhielt. Er war glänzender Laune. Allerdings nicht, weil er gleich mit seiner Freundin ausgehen würde, sondern weil er seiner Frau einen Denkzettel verpasst hatte. Ihre ständigen Einkäufe waren ihm schon lange ein Dorn im Auge. Regelmäßig kam sie mit neuen Kleidern und Schuhen an, deren Aussehen in keinem Verhältnis zum Preis standen. Aber damit war nun ein für alle Mal Schluss. Raul bereute nur, dass er das dumme Gesicht seiner Frau nicht hatte sehen können, als die Kreditkarte plötzlich zu sprechen angefangen hatte.

In einem der Häuser öffnete sich die Tür und Rauls Freundin trat heraus. Sie war so schön, dass er schlagartig seine Frau vergaß. Raul griff nach dem Türöffner, um auszusteigen, doch dieser ließ sich nicht bewegen.

„Sie wollen doch wohl nicht mit diesem jungen Ding ausgehen?“, fragte jemand.

Raul zuckte erschrocken zusammen. Der Bildschirm im Armaturenbrett schaltete sich ein und zeigte das vorwurfsvolle Gesicht einer älteren Dame. „Schämen Sie sich nicht? Sie könnten ja Ihr Vater sein.“

Raul schnappte nach Luft. Er bekam kaum mit, wie der Autopilot den Motor startete und losfuhr und seine wild winkende Freundin zurückließ. „Wer zum Teufel sind Sie denn?“, fragte er.

„Ich bin Ihr Bordcomputer. Ihre Ehefrau hat mir aufgetragen, Ihre sexuelle Enthaltsamkeit zu gewährleisten. Das heißt, mit Ihren heimlichen Treffen ist es in Zukunft vorbei. Moment, ich spiele Ihnen die Videodatei Ihrer Ehefrau vor …

(c) Uwe Hermann

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