2. Platz bei DSFP 2016

Der heilige Wasserabsperrhahn

Auch ohne Mademoiselle Antonias Gabe des Kartenlegens wusste ich, dass ich diesen Abend nicht überleben würde. Als Ernesto Gastaldi, der Kapitän und Direktor unserer Schaustellertruppe in meine Kabine stürmte und seine Tochter und mich im Bett überraschte, war mir das klar. Er tobte und schrie und zertrümmerte die halbe Einrichtung, bevor er uns auch nur anhörte. Wir beteuerten, dass wir uns liebten und heiraten wollten, aber unsere Worte konnten ihn weder besänftigen, noch die restlichen Möbel vor der Zerstörung bewahren.


Als es nichts mehr gab, was er zertrümmern konnte, warf er seiner Tochter die auf dem Boden verstreuten Kleider zu und befahl ihr, sich anzuziehen. Hilda schlüpfte eilig in Hose und T-Shirt. Dann verließ sie zusammen mit ihrem Vater meine ramponierte Kabine.

Ich setzte mich in den Überresten meines Bettes auf und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Hätte Ernesto das Geld nicht noch mehr geliebt als seine Tochter, wäre es mir wie meinen Möbeln ergangen, aber wir hatten am Abend noch eine letzte Vorstellung und dazu brauchte er mich: Ich war der Star seiner Show! Ich boxe gegen Kampfroboter.

 

Ich gehöre zu einer Gruppe von Schaustellern, die in den Außenbezirken des Königreiches abgelegene Planeten anfliegt und den Bewohnern mit inszenierten Kämpfen und viel Show und nackter Haut das Geld aus den Taschen zieht.

Wir waren mit unserem Schiff, der Habitat, vor drei Wochen auf dieser kleinen Kolonialwelt gelandet. Der Planet lag am Rande der besiedelten Zone – fast schon im Niemandsland – und war so weit von der Erde entfernt, dass dort kaum jemand von seiner Existenz wusste.

Vor Hunderten von Jahren, zu einer Zeit, als der interstellare Raumflug noch in den Kinderschuhen gesteckt hatte, war das Schiff der Kolonisten auf dieser Welt abgestürzt. Es wurde völlig zerstört, doch wie durch ein Wunder blieben sämtliche Besatzungsmitglieder unverletzt. Seitdem beteten die Kolonisten den einzigen Gegenstand an, den sie aus den Trümmern ihres Raumschiffes hatten retten können: einen Wasserabsperrhahn.

 

§

 

Dass Ernesto mich mit Hilda erwischt hatte, sprach sich unter den Schaustellern wie ein Lauffeuer herum. Vielleicht hatte Mademoiselle Antonia aber auch schon vorher ausgeplaudert, dass so etwas passieren würde. So gut sie die Zukunft vorhersagen konnte, so schwer fiel es ihr, sie für sich zu behalten.

Es war weit nach Mittag und fast alle waren mit den Vorbereitungen für die letzte Show beschäftigt, als ich durch eine der Schleusen die Arena betrat. Sie war Teil unseres Raumschiffes und bedeckte seine komplette Oberseite. Ich lief durch die Endzeitkulisse mit den zerstörten Häuserattrappen und den Schützengräben und suchte nach Hilda. Die anderen Schausteller gingen mir aus dem Weg oder warfen mir verstohlene Blicke zu. Einige hörte ich leise hinter meinem Rücken reden. Mir wurde klar, dass alle wussten, was mir bevorstand. Ich fragte sie nach Hilda, aber angeblich hatte niemand sie gesehen.

Erst als ich Giuseppe 4, einen unserer Arbeitsroboter ansprach, verriet dieser mir, dass Ernesto sie zusammen mit dem Kampfroboter in die Stadt geschickt hatte, um Prospekte für die Abendvorstellung zu verteilen. Natürlich hatte er das nur angeordnet, damit sie mir nicht über den Weg lief. Wir hatten in den Städten und auf den Multimediakanälen dieser Welt so viel Werbung gemacht, dass uns mittlerweile jedes Kind kannte. Noch mehr – vor allem, da es heute Abend die letzte Vorstellung sein sollte – war völlig überflüssig.

Normalerweise hätte ich Ernestos Entscheidung akzeptiert und mich jetzt um meine Ausrüstung gekümmert, doch ich würde heute Abend sowieso sterben, da konnte ich auch ebenso gut in der Stadt nach Hilda suchen.

Ich verließ die Arena und machte mich auf den Weg.

 

§

 

Ich ging auf den Marktplatz und zu den anderen Orten, an denen wir in den letzten zwei Wochen Werbung für unsere Show gemacht hatten. Nirgendwo fand ich eine Spur von Hilda. Ich sprach etliche Kolonisten an, doch keiner hatte sie gesehen. Selbst wenn sie nicht auf die kleine leicht bekleidete Frau geachtet hätten – was bei Hildas umwerfendem Aussehen höchst unwahrscheinlich war – wäre ihnen ein drei Meter großer Kampfroboter sicher aufgefallen. Außerdem hingen noch immer unzählige animierte Werbeplakate von uns in den Straßen und viele von ihnen zeigten Hilda.

Ich spürte, wie mein Ärger zunahm. Wenn Hilda nicht in dieser Stadt war, hatte Ernesto ihr befohlen, aufs Land zu fliegen. Er hatte geahnt, dass ich sie suchen würde. Natürlich! Er kannte mich. Ich hatte gute Lust, mich in einer der vielen Kneipen zu betrinken und der Show Lebewohl zu sagen. Aber ich würde nicht nur Ernesto im Stich lassen, sondern auch Mademoiselle Antonia und die anderen und das konnte ich nicht. Sie waren für mich wie eine Familie. Außerdem hegte ich tief in mir immer noch die Hoffnung, dass ich den heutigen Abend überleben würde. Dann sollte Ernesto mein zukünftiger Schwiegervater werden. Wenn ich aber der Vorstellung fernblieb, war das die denkbar schlechteste Voraussetzung für ein glückliches Leben mit seiner Tochter.

Eine Gruppe schwarzgekleideter Priester trat vor mir aus einer Seitengasse. Ich hielt an, um sie vorbeizulassen. Die Männer und Frauen schwenkten Gefäße in Form von Wasserabsperrhähnen, aus denen blauer Rauch aufstieg. Sie priesen in einem Sprechgesang die Wunder ihres Gottes. Mein Kopf rauschte von den fremden Stimmen, und der exotische Geruch vernebelte meine Sinne. Als sie vorüber waren, setzte ich mich wieder in Bewegung und folgte ihnen. Ohne dass es mir bewusst wurde, fand ich mich bald darauf in einer der Kirchen wieder. Ich war kein gläubiger Mensch, aber wenn ich unter diesen Umständen nicht in eine Kirche ging, wann denn sonst? Wenn ich heute Abend starb, war es gut, zuvor noch einmal zu einem Gott gebetet zu haben – auch wenn es ein Wasserabsperrhahn war.

Ich setzte mich auf eine Holzbank in der hintersten Reihe und fragte mich, ob es in irgendeinem Gotteshaus im Universum bequeme Sitze gab.

Ein Priester trat vor und lobpreiste den heiligen Wasserabsperrhahn und das Wunder der Unversehrtheit. Er sprach vom Absturz des Raumschiffes auf dieser Welt, dem Tod der Kolonisten und ihrer Auferstehung. Dann stimmte er ein Lied an und die Gemeinde sang mit. Es gab die üblichen Aufzählungen von Geburten und Eheschließungen, nur die Todesfälle fehlten. Weitere Lieder folgten. Danach betete der Priester mit uns. Nach einer dreiviertel Stunde war der Gottesdienst vorüber und die Kirche leerte sich. Ich erhob mich und wollte gehen, als plötzlich ein Priester neben mir stand.

»Wir haben nicht oft Fremde von anderen Welten in unserem heiligen Haus. Was hat dich zu uns geführt?«, fragte mich der große Mann. Er trug eine schwarze Kutte, mit einem aufgestickten, von einem Lichtkranz umgebenen Wasserabsperrhahn. Um den Hals seines fülligen Körpers, der von einer Vorliebe für kalorienreiches Essen zeugte, hing eine Kette mit einem ähnlichen Anhänger. In der Hand hielt er ein dickes Buch.

»Die Neugierde«, antwortete ich. »Du weißt, wer ich bin?«

Er lächelte. »Wer auf unserer Welt weiß das nicht? Du gehörst zu den Männern, die gegen die Roboter kämpfen. Wie ich gehört habe, soll es eine unglaubliche Show sein.«

»Du hast sie noch nicht gesehen?«

Der Mann schüttelte leicht den Kopf. »Ich muss gestehen, dass ich noch nicht die Zeit gefunden habe, sie mir anzusehen. Wir feiern bald die sechste Umdrehung des Wasserabsperrhahns und die Vorbereitungen für dieses Fest haben mir keine Zeit für andere Dinge gelassen. Aber ich werde sie mir danach anschauen.«

»Dann hast du Pech. Heute Abend ist unsere letzte Vorstellung.«

»Das ist schade«, sagte er, und es klang ehrlich.

Ich griff spontan in meine Jackentasche und holte eine der Freikarten heraus, die ich immer bei mir trug. Sie war nur gültig, wenn man die Vorstellung zu zweit besuchte und natürlich musste der Partner den vollen Preis bezahlen. »Vielleicht schaffst du es ja heute Abend. Ich würde mich freuen. Wahrscheinlich wird es auch meine letzte Vorstellung sein.«

Der Priester nahm die Freikarte entgegen, warf einen Blick darauf, und steckte sie dann nickend ein. »Das werde ich. Bist du ein Anhänger des heiligen Wasserabsperrhahnes?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich noch nie mit dieser Religion beschäftigt.«

»Dann solltest du das nachholen.« Er drückte mir sein Buch in die Hand. »Hierin findest du alles, was du brauchst, um dem heiligen Wasserabsperrhahn folgen zu können.«

Ich zögerte. Dann griff ich nach dem Buch. »Vielen Dank. Vielleicht werde ich morgen mal einen Blick hineinwerfen.«

»Ja, vielleicht«, sagte der Priester lächelnd. Er legte mir seine Hand auf die Schulter. »Möge der heilige Wasserabsperrhahn ewig für dich tropfen.« Dann deutete er auf den Ausgang. »Du musst jetzt gehen. Du hast heute Abend noch eine anstrengende Vorstellung.«

 

§

 

Der Roboter schlug zu, durchbrach meine Deckung und traf mich an der Brust. Aus Düsen an seiner Hand spritzte Kunstblut und gaukelte den Zuschauern vor, dass es von mir wäre. Eine rote Wolke hüllte mich ein, als ich meterweit durch die Luft flog und gegen eine Mauer prallte. Ich stürzte zu Boden. Regungslos blieb ich liegen, während um mich herum die Welt in einem Gewitter aus Pyrotechnik unterging.

Die Zuschauer hielt es nicht mehr auf ihren Sitzen. Sie sprangen jubelnd auf. Arme wurden in die Luft gerissen und der Boden dröhnte, als würde die Welt untergehen.

Zuvor hatten wir ihnen eine Show voller Gewalt, Liebe und Verrat geboten, in der die letzten Menschen der Erde sich gegen die Herrschaft eines Roboterkönigs und seiner Maschinen erhoben. Zugegeben, die Geschichte war nicht besonders tiefgründig, aber was ihr an Inhalt fehlte, machte sie durch spektakuläre Stunts, Blut und viel nackter Haut wieder gut. Die Zuschauer liebten sie! Und jetzt stand der Höhepunkt der Veranstaltung an: der Kampf zwischen dem Roboterkönig und dem Anführer der letzten Menschen. Danach würde die Show mit einem gigantischen Feuerwerk enden und die Zuschauer mit dem Gefühl etwas Einmaliges gesehen zu haben, nach Hause entlassen. Vorbei an den Ständen mit den Merchandisingartikeln, wo sie hoffentlich weiteres Geld lassen würden.

Ich hatte für einen Moment das Bewusstsein verloren. Als ich wieder zu mir kam, stampfte der Kampfroboter mit ausgefahrenem Waffenarm auf mich zu. Der Boden unter mir bebte von seinen Schritten, die von einer Soundanlage verstärkt, bis in den letzten Winkel der Arena übertragen wurden.

Ein ausgebrannter Gleiter stand dem Kampfroboter im Weg und er schob ihn zur Seite, als ob es nur ein Spielzeug wäre. Mit lautem Getöse fiel der verrostete Metallrahmen zurück auf die Räder.

Ich lag regungslos auf dem Boden und wartete darauf, dass der Roboter mich erreichte. Der Kampf war eine bis ins kleinste Detail choreografierte Show, bei der nichts dem Zufall überlassen wurde. Ernesto saß mit einem kleinen Team in einer Kabine oberhalb der Arena und überwachte die Roboter, den Sound und die Pyrotechnik. Wir Kämpfer trugen unter unserer Kleidung Panzerwesten und Protektoren an den Gelenken, die uns vor den Schlägen der Roboter schützten.

Die massive Wand der Ruine, an die er mich geschleudert hatte, war in Wirklichkeit aus einem stoßabsorbierenden Material, das mich davor bewahrte mir die Knochen zu brechen. Und natürlich schlug der Kampfroboter mit minimaler Kraft und verminderter Geschwindigkeit zu. Jedenfalls war es die letzten Vorstellungen über so gewesen, doch heute hatte ich das Gefühl, als wollte er mir die Gedärme aus dem Körper prügeln. Er hatte mich nur ein paar Mal getroffen, aber seine Schläge schienen mir alle Knochen gebrochen zu haben. Ich lag regungslos auf der gepolsterten Matte, die sich optisch nicht vom Rest des Bodens unterschied, und rang nach Luft. Ich schmeckte Blut in meinem Mund, das im Gegensatz zu dem auf meiner Kleidung wirklich von mir stammte.

Der Roboter blieb neben mir stehen und schaute mit angelegtem Waffenarm auf mich herab. Er zögerte und ich wusste, dass die Zuschauer jetzt den Atem anhielten. Dann klappte seine Waffe zur Seite und er hob stattdessen den Fuß. Ein Aufschrei ging durch die Menge.

Eigentlich hätte ich mich jetzt zur Seite rollen müssen, aber allein der Gedanke daran ließ mich vor Schmerzen aufstöhnen. Wenn ich noch irgendwelche Zweifel gehabt hatte, ob Ernesto es ernst meinte, waren sie in diesem Moment verschwunden.

Der Kampfroboter ließ seinen gepanzerten Fuß auf mich niedersausen. Ich spürte einen heftigen Schmerz. Weit weg, wie aus einer anderen Welt, hörte ich Hilda schreien.

 

§

 

Ich kannte die Geschichten, in denen man im Augenblick seines Todes einen Tunnel aus weißem Licht emporschwebte. Hier war es anders. Zwar stand auch ich in einem hellen Raum, aber vor mir sah ich eine roh gezimmerte, weiße Leiter, die ohne erkennbares Ende in die Höhe ragte. Klar, ich war auf einer Kolonialwelt. Hätte ich da einen Fahrstuhl erwarten sollen? Ich griff nach den Sprossen und begann mit dem Aufstieg.

Alle paar Meter rutschte mir ein leiser Fluch über die Lippen. Ich war tot! Ich würde Hilda niemals heiraten, ja sie nicht einmal mehr wiedersehen, und das kleine Vermögen, das ich im Laufe der Zeit für uns angehäuft hatte, würde ich auch nicht mehr ausgeben können. Ich ärgerte mich maßlos, während ich höher und höher stieg. Sicher tat der Mord Ernesto inzwischen leid. Er war kein schlechter Mensch. Er wollte nur das Beste für seine Tochter, und das war eben nicht ich. Ich konnte ihn verstehen. Auch ich hätte Hilda gerne mehr geboten, als ein Leben unter Schaustellern.

Nach einer Zeitspanne, von der ich nicht sagen konnte, wie lange sie gedauert hatte, kam ich in einen hell erleuchteten Raum. Über mir in der Luft schwebte ein riesiger Wasserabsperrhahn. Obwohl er unablässig tropfte, war der Boden unter ihm völlig trocken. Ich richtete mich auf. Die Leiter und der Einstieg verschwanden.

Der Raum war grenzenlos. In keiner Richtung gab es etwas, auf das mein Blick hätte fallen können. Ich schaute mich um. »Ist hier jemand?«, rief ich.

Unter dem Wasserabsperrhahn erschien ein gleißendes Licht. Der Priester, dem ich am Morgen im Gotteshaus begegnet war, trat daraus hervor. Das Leuchten erlosch.

»Willkommen«, sagte er lächelnd.

»Du?« Ein Schauer lief mir über den Rücken. »Bist du Gott?«, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. »Die Technik, die mir zur Verfügung steht, ist weiter fortgeschritten, als die deine. Wenn mich das zu einem Gott macht, bin ich einer. Vielleicht hatten unsere Ingenieure aber auch nur mehr Zeit als die euren, wer weiß?«

»Aber ich bin tot?«

Er nickte »Mausetot! Von einem Kampfroboter zertreten. Wie Mademoiselle Antonia schon vor Tagen vorhergesehen hat. Sie hat übrigens auch Ernesto gesteckt, dass du etwas mit seiner Tochter hast.«

Ich nickte. Das sah Mademoiselle Antonia ähnlich. Gab es etwas Schlimmeres, als eine Wahrsagerin, die nichts für sich behalten konnte?

»Vielleicht tröstet es dich, dass du eine tolle Vorstellung abgeliefert hast. Das Publikum war begeistert – ich übrigens auch.«

»Du warst da?«

»Natürlich! Ich hatte doch die Freikarte von dir. Außerdem bin ich ständig auf dieser Welt. Ich lebe dort. Sie ist meine Heimat.«

»Aber du bist keiner der Kolonisten.«

»Nein. Mein Volk lebt in einer anderen Region des Universums – wenn es noch lebt. Ich war schon lange nicht mehr dort. Aber ich passe auf die Kolonisten auf, seit ich sie damals nach dem Absturz gerettet habe.«

»Dann bist du der heilige Wasserabsperrhahn.«

Er verzog das Gesicht. »Bitte nenne mich nicht so. Ich hasse diesen Namen. Mir wäre es lieber gewesen, die Kolonisten hätten damals etwas anderes in den Trümmern gefunden. Vielleicht eine Triebwerksfeder oder eine Computertastatur. Alles wäre besser gewesen, als ein tropfender Wasserabsperrhahn.«

»Wenn ich tot bin, wieso können wir dann noch miteinander reden?« Ich warf einen kurzen Blick hoch zu dem alles überragenden Wasserabsperrhahn und schaute mich dann um. »Das hier ist doch nicht das Jenseits, oder?«

Er lachte. »Nein, sicher nicht. Du liegst noch immer mit zerschmettertem Körper in der Arena. Was du zu sehen glaubst, sind nur Illusionen. Dein Verstand schützt sich mit ihnen. Du hast jetzt keine Sinnesorgane mehr. Ohne sie wärst du von Dunkelheit und Stille umgeben, die so vollkommen wären, dass sie dich in den Wahnsinn treiben.«

Ein Frösteln lief mir über den Rücken. »Aber wir sprechen doch miteinander.«

»Ich spreche mit deinem Verstand, deiner Seele, deiner Aura oder deinem Karma oder wie immer du das nennen willst. Dein Körper hat damit nichts mehr zu tun.«

In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Am liebsten hätte ich mich irgendwo hingesetzt und über seine Worte nachgedacht, aber noch immer gab es nichts, außer der Leere und dem Wasserabsperrhahn über mir.

Der Priester zog aus einer Tasche seiner Kutte einen kleinen Bankcomputer. »Du warst in meiner Kirche, hast zu mir gebetet und bist jetzt ein Anhänger des heiligen Wasserabsperrhahns. Wie allen, die an mich glauben, biete ich auch dir an, dein Leben zu verlängern. Für tausend Geldeinheiten verkaufe ich dir ein Extraleben. Du kannst weiterleben, als wärst du niemals gestorben.«

Ich schaute ihn verblüfft an. Erst langsam begriff ich den Sinn seiner Worte. »Du kannst mich von den Toten auferstehen lassen?«

»Das ist alles nur eine Frage der technischen Ausstattung. Mit ihr habe ich schon damals die Kolonisten nach ihrem Absturz wiederbelebt. Und das tue ich heute noch.«

»Und dafür nimmst du – Geld

Er zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt, ich lebe bei den Kolonisten, und von irgendetwas muss ich ja meinen Wohlstand finanzieren. Ich habe die Technik den Tod zu verschieben, da ist es doch nicht verwerflich, wenn ich damit Geld verdiene. Meine Anhänger sind zufrieden und ich kann mir ein anständiges Essen leisten.« Seine Hand strich über die Rundung seines wohlgenährten Bauches. »Jeder hat doch irgendein Laster.« Er hob den Bankcomputer. »Wie sieht es mit dir aus? Ist dein Laster die Lust am Leben und ist sie dir eintausend Geldeinheiten wert? Du könntest Hilda wiedersehen und vielleicht stimmt Ernesto nach dieser Show ja doch einer Heirat zu.«

Ohne auch nur eine Sekunde lang zu überlegen, nahm ich den Bankcomputer entgegen und gab meine Daten und den Überweisungsauftrag für die Geldeinheiten ein.

 

§

 

Der Kampfroboter nahm den Fuß von meiner Brust. Auch wenn sein Gesicht eine unbewegliche, starre Metallmaske war, glaubte ich, darin Verwunderung ablesen zu können. Ich hatte mich nicht an den Ablauf der Show gehalten. So eine Möglichkeit war in seiner Programmierung nicht vorgesehen. Eigentlich hätte ich mich zur Seite rollen und auf ihn schießen müssen, stattdessen war ich einfach liegen geblieben und hatte mich zertreten lassen.

Der Fuß schwebte über mir und ich wusste, dass der Kampfroboter auf neue Befehle von Ernesto wartete.

Ich hatte keine Schmerzen. Ja, ich fühlte mich geradezu wie neu geboren. Was ich in gewisser Weise ja auch war. Ich hob den Kopf und schaute nach oben, zur Kabine hinauf, in der Ernesto die Show überwachte. Unsere Blicke trafen sich. Dann drehte Ernesto sich ruckartig zur Eingabekonsole herum, berührte einen Schalter und der Fuß des Kampfroboters tötete mich ein zweites Mal.

 

§

 

Als ich den weißen Raum betrat, wartete der Priester bereits auf mich. »Das ging aber schnell. Ich hätte dir ein längeres zweites Leben gegönnt.«

»Unsinn! Du hast gewusst, dass so etwas geschehen würde!«, rief ich, noch immer aufgebracht von meinem erneuten schnellen Tod.

»Wie redest du denn mit deinem Gott?«, fragte er tadelnd.

»Du bist kein Gott«, erinnerte ich ihn.

Er nickte lächelnd. »Stimmt. Das vergesse ich manchmal.«

»Dir war klar, dass Ernesto mich ein zweites Mal töten würde.«

»Für ihn war es das erste Mal.« Der Priester hielt mir seinen Bankcomputer vor die Nase. »Wie sieht es aus? Möchtest du ein weiteres Extraleben kaufen?«

Ich nahm den kleinen Kasten entgegen und zögerte. »Wenn ich mehrere Leben nehme, können wir dann über den Preis reden?«

 

§

 

In den nächsten Minuten wurde ich noch drei weitere Male zerquetscht, ohne das es mir auch nur gelang aufzustehen. Als ich danach wieder vor dem Priester trat, schüttelte dieser den Kopf. »So kommen wir nicht weiter! Du stirbst ja schneller, als du mir deine Geldeinheiten überschreiben kannst. Sobald ich dich wiederbelebt habe, tötet der Kampfroboter dich erneut. Du musst Ernesto wirklich verärgert haben.«

»Er war immer schon ein nachtragender Dickkopf«, nickte ich.

»Was hältst du davon, wenn ich deinen Körper so modifiziere, dass du gegen den Kampfroboter eine Chance hast?«

»Das kannst du?«

»Glaubst du wirklich, dass so eine kleine Modifikation schwieriger ist, als jemanden von den Toten auferstehen zu lassen? Klar kann ich das! Du musst mich nur bezahlen.« Er tippte etwas in seinen Bankcomputer ein. »Was hältst du zum Beispiel von fünfhundert Geldeinheiten für einen verstärkten Brustkorb?«

 

§

 

Als der Roboter dieses Mal auf mich eintrat, konnte er mich nicht verletzen. Es gab einen dumpfen Laut und sein Fuß prallte von meinem Brustkorb ab, als wäre es die Außenwand eines Raumschiffes. Er versuchte es erneut, aber wieder konnte er meine Knochen nicht brechen.

Es vergingen einige Augenblicke, in denen Ernesto dem Roboter neue Anweisungen schickte. Dann trat der Kampfroboter ein paar Schritte zurück. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich herum zu rollen. Mein Körper schien mit Gewichten behangen zu sein. Er war so schwer, dass ich mich kaum bewegen konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Waffenarm des Roboters in meine Richtung schwenkte. Die Zuschauer schrien und ich war mir nicht sicher, ob sie den Kampfroboter anfeuerten oder mich warnen wollten.

Ich setzte nacheinander die Knie auf und stemmte mich hoch. Torkelnd machte ich einen Schritt nach vorne, bevor ich ins Straucheln geriet und der Länge nach hinfiel. Meine Muskeln waren viel zu schwach, um meinen neuen verstärkten Brustkorb tragen zu können. Ein Laserschuss in den Rücken brachte mich zurück zum Priester.

 

§

 

»Tut mir leid«, sagte er, bevor ich dazu kam, meinen Ärger Luft zu machen. »Mein Fehler! Ich hätte dir auch verstärkte Muskeln und ein modifiziertes Knochensystem verkaufen müssen. Versuchen wir es gleich noch einmal!«

 

§

 

In den nächsten Minuten wurde ich mehrmals erschossen, verbrannt und geköpft, ohne dass es mir gelang, die Arena lebendig zu verlassen. Meine Hoffnung, dass Ernesto sich beruhigen würde, erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil! Er schien jedes Mal, wenn ich in seinen Augen einen weiteren Anschlag überlebte, wütender und entschlossener zu werden. Mein Körper bekam ständig neue Modifikationen, bis ich bald selbst wie ein Roboter aussah. Die Zuschauer aber waren begeistert. Sie schrien sich die Kehlen aus dem Hals und tobten, als wollten sie die Arena zum Einsturz bringen. Ihnen schienen meine körperlichen Veränderungen nicht aufzufallen, oder sie nahmen an, dass sie zur Show gehörten.

Meine Schaustellerkameraden improvisierten. Sie wiederholten die Stunts, die sie schon zuvor in der Show gezeigt hatten, oder schossen auf unsichtbare Feinde, aber auf meine Kollegen achtete sowieso niemand. Die Zuschauer hatten nur Augen für den Kampfroboter und mich. Es war die beste Vorstellung, die wir jemals abgeliefert hatten. Leider war es nur eine Frage der Zeit, bis meine Ersparnisse aufgebraucht waren, und ich endgültig sterben würde. Ich musste meine Taktik ändern. Durch Flucht würde ich diesen Abend nicht überleben. Ich würde angreifen müssen!

 

§

 

Als ich wieder in der Arena auftauchte – jetzt umschloss mein Kopf eine Panzerung aus laserreflektierendem Stahl, mit Augen, die so scharf sahen, dass ich jeden noch so winzigen Spalt in der Außenhaut des Kampfroboters erkennen konnte – drehte ich mich nicht um und lief davon. Stattdessen rollte ich mich ab und wich damit einer Salve von Laserschüssen aus, die mich zuvor noch getötet hatten. Dann sprang ich mit einem Satz auf die Beine. Mit ein paar schnellen Sprüngen war ich hinter dem Kampfroboter. Er reagierte nicht. Anscheinend hatte ich Ernesto überrascht, oder er unterschätzte mich noch immer. Ich packte den Arm des Roboters und zog ihn zu mir heran, während ich mit der anderen Hand einen Schlag in die Magengegend ausführte. Mein modifizierter Körper war so stark, dass ich seine Außenhaut mühelos zertrümmerte. Metallsplitter, Verstrebungen und elektrische Bauteile flogen durch die Luft. Ein Funkenregen fiel auf mich herab, während Rauch aus dem Roboter aufstieg. Eine Schlagserie von mir zerlegte ihn in seine Einzelteile. Ich hatte gewonnen!

Die Zuschauer drehten endgültig durch. Sie schrien so laut, dass ihre Rufe in meinen Ohren schmerzhaft explodierten und ich die Empfindlichkeit der Mikrofone – eine weitere Modifikation – herunterregeln musste. Ich war mir sicher, dass jeder von ihnen auf der Stelle eine weitere Vorstellung besuchen würde – wenn es sie denn gegeben hätte. Ich hob die Arme und genoss Minuten lang den Jubel der Menge. Über mir explodierte am Nachthimmel ein gigantisches Feuerwerk.

 

§

 

Hinter der Bühne wartete Ernesto bereits auf mich. Zuerst dachte ich, er würde mich immer noch töten wollen, aber dann kam er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.

»Mein Freund! Was für eine Vorstellung. Ich habe ja gar nicht gewusst, was alles in dir steckt.« Er klopfte mir auf die Schulter und zog mich zu sich heran. »Die Zuschauer waren begeistert. So viel Applaus hatten wir noch nie. Vielleicht sollten wir doch noch einige Zeit auf dieser Welt bleiben. Wenn sich diese Vorstellung herumspricht, sind wir die nächsten Monate ausverkauft.« Er ließ mich wieder los. »Übrigens eine tolle Rüstung. Ist mir vorher noch gar nicht aufgefallen.«

»Dann ist unser kleiner Streit also vergessen?«

»Streit? Welcher Streit?« Er lachte. »Um Himmelswillen! Natürlich kannst du Hilda heiraten, und weißt du was? Ich richte sogar eure Hochzeit aus. Wenn sie nicht zu teuer wird.«

»Wessen Hochzeit?« Hinter mir tauchte Hilda in Begleitung der restlichen Kämpfer auf. Alle waren verschwitzt und dreckverschmiert.

Ich strahlte Hilda an – so weit es mein künstliches Gesicht zuließ. »Ist das nicht fantastisch? Dein Vater hat nichts mehr gegen unsere Heirat.« Ich wollte sie in den Arm nehmen, doch sie wich vor mir zurück.

»Spinnst du? Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut? Du siehst aus, wie ein verfluchter Roboter. Ich heirate doch keine Maschine! Ich verstehe nicht, wieso mir das vorher nie aufgefallen ist.« Sie unterstrich ihre Worte mit einem abfälligen Blick über meinen Körper und ging mit den anderen Schaustellern davon.

Ich stand regungslos da, während die Trümmer meines Traumes auf mich niederregneten. Ernesto klopfte mir tröstend auf die Schultern. »Mach dir nichts draus! Ihre Mutter war genauso. Du findest schon noch eine Frau, die zu dir passt.« Er zog mich mit sich. »Aber lass uns doch lieber über die nächste Vorstellung reden. Deine Improvisationen werden wir beibehalten, aber du solltest den Roboter nicht jedes Mal zerstören. Der war verdammt teuer …«

(c) Uwe Hermann

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